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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

Neuigkeiten


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24.06.2015

Das Ende einer langen Reise

Über die Lautsprecher ertönt ein kaum verständlicher Sicherheitshinweis. Durch die großen Fensterscheiben kann ich die Flugzeuge beobachten, die für ihren nächsten Trip vorbereitet werden. Es herrscht reges Treiben am internationalen Flughafen von Panama City. Überall Menschen, vom leicht bekleideten Pauschaltouristen bis zur Geschäftsfrau. Ich sitze am Gate einundzwanzig und warte darauf, dass die Frau am Check-In Schalter mit ihrem Aufruf zum Boarding, meine Reise endgültig für beendet erklärt. Der Gedanke daran, in wenigen Stunden wieder in mein „altes Leben“ zu treten, weckt gemischte Gefühle in mir. Ich freue mich auf zu Hause, gar keine Frage. Allem voran auf die Menschen die mir lieb und teuer sind und auf die ich so lange verzichten musste. Auch habe ich auf meiner Reise den unschätzbaren Wert eines Sonntagnachmittages zu Hause auf der Couch kennengelernt. :o) Doch zu wissen, dass dieses Kapitel meines Lebens, das mich fast anderthalb Jahre intensiv beschäftigt und begleitet hat, nun zu Ende geht, erfüllt mich auch mit Wehmut. Ich frage mich ob ich noch derselbe bin wenn ich nach Hause komme oder ob ich mich (nachhaltig) verändert habe. Ob ich das Leben, wie ich es zurückgelassen habe einfach wieder aufnehmen kann oder ob es mich nun an allen Ecken und Enden sticht und zwickt wie ein eingelaufener Strickpulli. Ich dachte immer am Ende der Reise wären alle meine Fragen beantwortet. Tatsächlich aber wirft jede Antwort immer auch neue Fragen auf.

Das Boarding beginnt, ich steige ins Flugzeug und nehme Platz. Eine recht große Maschine mit vier Sitzplätzen im Mittelgang sowie jeweils zwei Sitzen links und rechts außen. Säße ich im Kino, wäre mein Sitzplatz sicher einer der begehrtesten im Saal. Bin ich aber leider nicht und so ist „Hinten, Mitte“ einer jener Plätze, der weder mit Blick aus dem Fenster noch mit Beinfreiheit am Gang punkten kann. Tja selbst schuld, hatte ich doch den Online Check-In am Vortag vergessen. Aber das Schicksal meint es gut mit mir, denn kurz nach dem Start ziehe ich auf eine freie Zweier-Sitzreihe am Fenster und entziehe mich damit gleichzeitig dem antiautoritären Erziehungsstil der beiden Eltern direkt hinter mir. „Ne du lass mal, das Kind wird schon wissen wann es keine Lust mehr hat dem Mann auf dem Kopf herumzutrommeln“…
Ich blicke aus dem Fenster und sehe unter mir die Wolken vorbeiziehen. Sanft und voller Ruhe, völlig unbeeindruckt von den Dingen die da direkt unter ihnen geschehen, ganz so als ob sie das alles nichts anginge. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und lausche dem gleichmäßig surrenden Geräusch des Flugzeuges. Augenblicklich habe ich die Bilder der vergangenen Tage vor Augen. Sie sind so lebendig und voller Emotionen als würde ich jede einzelne Situation erneut erleben. Mein Besuch bei den Kuna Indianern auf den San Blas Inseln, ebenso wie mein Kurztrip nach Panama City. Allem voran aber natürlich die Kinder meiner kleinen „Escuelita“ in Boquete. Keine Frage, die letzten Tage hatten es in sich. Insbesondere die Organisation der Abschiedsparty hat mich vor besondere Herausforderungen gestellt, die ich ohne die großartige Unterstützung von Habla Ya sicher nicht so gut bewältigt hätte. Aber ich möchte keine Sekunde missen. Die Freude der Kinder und die Dankbarkeit der Familien waren jede Mühe wert.

Die rund sieben-Stunden-Busfahrt von Boquete nach Panama City mitten in der Nacht zollt nun ihren Tribut. Noch bevor ich mir klar darüber werden kann, dass ich in wenigen Stunden zu Hause bin, schlafe ich ein und meine viereinhalbmonatige Reise durch die sieben Länder Mittelamerikas geht zu Ende.


- Drei Monate später-


Ein schöner Traum – so kommt es mir manchmal vor, wenn ich an meine Reise zurückdenke. Ich steige in mein Auto, schalte das Radio ein und fahre los. Doch schon nach fünfhundert Metern stehe ich wieder, eingereiht in eine kilometerlange Autokolonne. Es staut sich die gesamte Hauptstraße entlang – Baustelle. Ich beginne nervös auf meinem Lenkrad herumzutrommeln. Die erste Grausamkeit des Tages und meiner hat erst vor rund fünfundvierzig Minuten begonnen. Es gibt für mich nur wenige Möglichkeiten die eigene Lebenszeit sinnloser zu verschwenden.

Kalendarisch hat der Sommer vor kurzem begonnen, doch das Wetter gibt nicht viel auf weltliche Zeitrechnung. Es sind 14°C heute Morgen – vier Grad wärmer als am Tag meiner Rückkehr vor drei Monaten. Wenigstens haben die Bäume ihre Blätter zurück. Die kahlen Äste waren ein Anblick an den ich mich tatsächlich erst wieder gewöhnen musste. Ich hatte vergessen mit welch bitterer Trostlosigkeit der Winter hierzulande einhergeht. In den ersten Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich den Eindruck, als spielte ich in einem schwarz-weiß Film. Die blassen Farben und der Mangel an Tageslicht trübten nicht nur meine Stimmung sondern versetzten mich unweigerlich in eine Art verspätete Winterschlafphase. Ich denke daher oft und gern zurück, an das türkisblaue karibische Meer und die schönen pastellfarbene Holzhäuser. An tiefschwarze und blendendweiße Sandstrände, grüne Regenwälder oder die bunten Kleider der Einheimischen. Ja selbst die Friedhöfe, mit ihren bunten Mausoleen und Gräbern, vermittelten pure Lebensfreude. Letztlich war es nicht nur die atemberaubende Landschaft die mich so mitgerissen hatte. Es war vor allem die Art und Weise der Menschen, ihre Lebensfreude in Farben zum Ausdruck zu bringen, die mich so begeistert hat. Ich schließe die Augen, höre das Meer rauschen und spüre für einen kurzen Moment die Sonne Mittelamerikas auf meiner Haut.

Das Telefon klingelt und reißt mich aus meinem Tagtraum. Vor mir liegt ein Berg Papier mit Zahlen, Daten und Werten die miteinander verglichen und anschließend in eine (zweifarbige!) Powerpoint Präsentation „gegossen“ werden müssen – bis heute Nachmittag. Natürlich nur im Entwurf, doch wir wissen was das heißt. Sechs neue E-Mails im Posteingang. Verdammt wie lang habe ich denn vor mich hin geträumt? Der Call um 14:00Uhr fällt aus. Das verschafft mir etwas Zeit. Aber Moment Mal. Wieso habe ich auf einmal so wenig davon? Sind die Tage denn hierzulande kürzer? Wenn ich es nicht besser wüsste, wäre dies die einzig logische Erklärung. Doch es ist die Geschwindigkeit mit der alles geschieht und die Vielzahl von Möglichkeiten, die den Tag so kurz erscheinen lassen. Wohlstand hat eben auch seinen Preis – und nicht selten ist es die eigene Lebenszeit.

Auf dem Weg in die Innenstadt. Ich warte auf die Straßenbahn um nicht noch mehr Zeit auf deutschen Autobahnen zu verschwenden. Die nächste Bahn kommt bereits in sieben Minuten und sie wird aller Voraussicht nach nicht erst losfahren wenn sie voll ist. Sehr zum Leidwesen einer jungen Frau, die die Bahn gerade erreicht, als diese die Türe schließt und losfährt. Der Ärger steht ihr ins Gesicht geschrieben.
Ich zahle 2,80EUR für die einfache Fahrt. Ein stattlicher Preis wenn man bedenkt, dass mein Ticket spätestens nach 90min ungültig ist. In Zentralamerika hätte ich mancherorts dafür sogar noch ein Mittagessen zu meiner mehrstündigen Busfahrt bekommen. Die Bahn wird mit jeder Haltestelle voller aber es gibt noch vereinzelt freie Plätze. Doch lieber stehen die Menschen, als in die Situation zu geraten jemand anderem zu nahe zu kommen oder ihn gar zu berühren. Ich muss schmunzeln, da mir sogleich mein honduranisches „Collectivo-Taxi“-Erlebnis in den Sinn kommt.
Ich beobachte die Menschen um mich herum und lausche ihren Gesprächen. Es ist schön die Bedeutung von Worten und Sätzen wieder ohne jede Anstrengung verstehen und deuten zu können. Zwar spreche ich inzwischen ein wenig Spanisch doch für eine tiefergehende Konversation reicht es nicht aus. Der Versuch endete schließlich meist darin, dass ich mich nur noch lächelnd und zustimmend nicken sah, ohne je zu erfahren, was mein Gegenüber mir gerade erzählte. Die Macht über das eigene Wort zu verlieren und das damit verbundene Gefühl der Hilflosigkeit waren eine gänzlich neue Erfahrung für mich.

Pünktlich, kaum dreißig Minuten später, erreiche ich die Kölner Innenstadt. Zum Glück muss mir nicht jetzt schon Gedanken darüber machen, ob in zwei Stunden auch noch eine Bahn wieder zurück fährt. Denn diese fahren mehrmals in der Stunde, bis spät in die Nacht hinein. Erst jetzt bemerke ich, dass ich zuvor keine Sekunde darüber nachgedacht habe, ob ich hier überhaupt finde wonach ich suche. Ich habe es als völlig selbstverständlich vorausgesetzt. Und tatsächlich bekomme ich an diesem Ort nahezu jedes Produkt und jede Dienstleistung, ohne lange danach suchen zu müssen. Ob Ersatzteile, Pflegeprodukte oder Ärzte. Alles liegt nur wenige Meter auseinander. Welch ein Luxus wenn ich darüber nachdenke, dass ich in Panama mehr als drei Tage lang nach Gips gesucht hatte, der, wie sich später herausstellte, nicht von besonders guter Qualität war (die Geschichte dazu reiche ich noch nach). Ja, es ist fast schon zu einfach! Auf meinem Weg über die Einkaufsstraße tritt ein Mann an mich heran und bittet um ein wenig Kleingeld. Er ist vielleicht ein paar Jahre älter als ich und er und sein Rucksack sehen aus, als seien sie viel herumgekommen. Wir kommen kurz ins Gespräch. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich darüber nach ihn zum Mittagessen einzuladen und mir seine Geschichte anzuhören. Doch er hat nicht vor lange zu bleiben und macht sich mit ein paar meiner Münzen in der Tasche sogleich, dankend auf den Weg zu seinem nächsten Ziel.
Unterdessen steuere ich meines an und finde mich in einer Buchhandlung wieder. Zielgerichtet nehme ich Kurs auf die oberen Etagen, vorbei an Romanen und Kochbüchern, bis ich vor der Reisebuchabteilung halt mache. Schon die Buch-Cover mit ihren schönen Farben ziehen mich magisch an. Ich lese Titel die von der Ferne erzählen, von geheimnisvollen Orten und wohlklingenden Namen, die ich noch niemals vorher gehört habe. Ich laufe durch die Reihen und vergesse alles um mich herum. Bin in Gedanken an jedem dieser Orte. Ich werde es wohl niemals schaffen hier einfach vorbeizugehen. Doch außer neuer Reiseziele und Ideen für die nächsten einhundert Jahre, werde ich hier nicht finden wonach ich suche. Thematisch könnte das Buch das ich suche, in vielen Regalen zu Hause sein. Doch wie immer möchte ich nicht danach fragen, ich möchte es selbst entdecken. Mein Blick überfliegt die Buchtitel, rauf und runter von links nach rechts. Und wie aus dem nichts ist es plötzlich da. Als hätte es jemand für mich dort hingelegt. Ich nehme es auf und während ich durchblättere fixiert mein Blick den einen Satz: „Drei Dinge sollst du im Laufe deines Lebens tun: ein Kind großziehen, einen Baum pflanzen und ein Buch schreiben.“

Dann legen wir mal los…



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