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"Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen! " (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mein Reisetagebuch 

Über mein Reisetagebuch möchte ich euch regelmäßig auf dem Laufenden halten und von meinen Erfahrungen mit Land und Leuten berichten. Inwiefern mir dies auch tatsächlich gelingt, hängt natürlich letztlich nicht allein von mir ab, da ich zumindest auf eine funktionierende Internetverbindung angewiesen bin. Ich bin aber recht zuversichtig, dass sich von Zeit zu Zeit eine Gelegenheit ergibt ein paar kurze Berichte einzustellen. Viel Spaß beim lesen!  

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04.03.2015

Kinderlachen leicht gemacht

Seit meiner Ankunft in Boquete ist bereits die erste Woche vergangen und ich kann nichts anderes behaupten als das ich mich hier wohlfühle. Die atemberaubende Landschaft die mich täglich umgibt und das sehr angenehme Klima tragen sicher ihren Teil dazu bei. Aber insbesondere meine Gastfamilie und die Arbeit mit den Kindern geben mir das schöne Gefühl willkommen zu sein.
Anders als bislang fahre ich an diesem Morgen nicht mit dem Taxi in den Ort, sondern gehe die rund sechs Kilometer zu Fuß. Der Transport im (Collectivo-)Taxi ist hier genauso üblich wie die Fahrt mit dem Bus – und ebenso günstig. Für 0,50€ pro Strecke komme ich morgens nach Boquete und am frühen Abend wieder zurück „nach Hause“. Während meines Spaziergangs lerne ich meine Umgebung immer am besten kennen und sehe Dinge oder Orte die ich vorher nicht wahrgenommen habe. Eine deutsche Konditorei oder ein Fitnessstudio zum Beispiel. Aber eben auch die Berge und ihre immergrünen Hänge, die den Ort in ihren Schoß legen und über allem zu wachen scheinen. Mit seinen 3400 Metern ist hier auch Panamas höchster Berg und einziger Vulkan anzutreffen, den ich zugegebenermaßen zunächst jedoch gar nicht als solchen wahrgenommen habe. Anders als die Vulkane in Guatemala oder Nicaragua ruht dieser bereits seit mehr als fünfhundert Jahren. Ein gutes Gefühl wenn man bedenkt, dass der Vulkan Fuego in Guatemala erst vor wenigen Wochen für Aufregung gesorgt hat, als er ganz Antigua unter einer zentimeterdicken Ascheschicht begraben hat.

In der Ferne legen sich die Wolken an diesem Morgen wie eine gemütliche weiße Decke über die Berggipfel. Die Sonne strahlt vom Himmel und bringt es zusammen mit dem kühlen Nordwind, der von den Bergen ins Tal weht, auf angenehme 25°C. Erst jetzt bemerke ich die vielen wunderschönen Schmetterlinge, die mit ihrer schwarz-grünen Färbung und der schnittigen Form überall auf sich aufmerksam machen. Am Straßenrand treffe ich auf große blühende Bäume und Sträucher, die ein Gefühl von Frühling vermitteln. Und als wäre all das noch nicht genug, steht ein Regenbogen in all seiner Pracht am Himmel. Tatsächlich kann man hier oben fast täglich Regenbögen bewundern, da sich die Wolken über den Bergwipfeln abregnen und der Wind den Sprühregen kilometerweit ins Tal trägt, wo er auf die Sonnenstrahlen trifft.
Doch wo es Licht gibt, da sind bekanntlich auch Schatten. Hier im „Glücksbärchen-Land“ ist scheinbar nicht immer alles so friedlich und schön, wie es zunächst den Anschein erweckt. Kurz nachdem ich meine kleine morgendliche Wanderung beendet habe und in der Sprachschule von Habla Ya ankomme, erfahre ich von einer Sprachschülerin, dass es erst kürzlich einen Überfall auf ein junges Paar gegeben haben soll. Am Samstagabend gegen 21:00Uhr, keine zwei Straßen von hier. Mit gezücktem Messer wurden die beiden um ihre Habseligkeiten gebracht. Als die Bande das Mädchen mit sich nehmen wollte, konnte ihr Freund Hilfe herbeirufen und die fünf Räuber in die Flucht schlagen. Solche und ähnliche Geschichten haben mich auch in Antigua von Zeit zu Zeit erreicht. Ohne selbst jemals betroffen gewesen zu sein, ermahnen sie mich jedes Mal dazu achtsam zu sein. Meistens gerade dann, wenn ich mich besonders sicher und wohl fühle. So wie jetzt, als ich mich dabei ertappe, dass ich seit Tagen alle wichtigen Dokumente, Kreditkarten und meinen Reisepass mit mir in meinem Rucksack herumtrage. Schmetterlinge und Regenbögen sind die eine Seite der Medaille – doch meist gibt es eine Zweite. Das sollte man niemals vergessen, wenn man auf Reisen ist!

Doch nun habe ich Wichtigeres zu tun, denn ich muss den „Unterricht“ vorbereiten. Seit einer Woche betreue ich bereits die Kinder der Familien, die auf den Kaffeeplantagen arbeiten. In vielen Ländern Zentralamerikas arbeiten die Eltern für einige Monate auf einer Plantage und ziehen dann weiter zur Nächsten. Während dieser Zeit wohnt die gesamte Familie in Ein-Raum-Appartements auf einem Grundstück des Plantagenbesitzers, in der Nähe des Anbaugebietes. Die Kinder wechseln auf diese Weise mehrmals pro Jahr die Schule. In Panama arbeiten fast ausschließlich Indigos auf den Kaffeeplantagen, die meist zur ärmsten Bevölkerungsschicht gehören. In wenigen glücklichen Fällen sind die Plantagenbesitzer am Wohlergehen ihrer Arbeiter und deren Familien interessiert und stellen beispielsweise einen Klassenraum für die Nachmittagsbetreuung der Kinder zur Verfügung. Und hier komme ich ins Spiel. Ich unterstütze Jiovanna, die Lehrerin, bei der Betreuung von rund fünfzehn Kindern im Alter zwischen zwei und zwölf. Dabei unterrichte ich nicht wirklich, vielmehr versuche ich die Kinder auf eine sinnvolle Art und Weise zu beschäftigen und ihre Kreativität zu fördern. Da es im Klassenraum kaum Materialien oder Spielsachen gibt, kaufe ich fast täglich Dinge wie Buntstifte, Knetmasse, Papier, Klebstoff, Pinsel oder Fingerfarben ein. Es ist erstaunlich was man alles für zwanzig Dollar kaufen kann und noch erstaunlicher wie viel Freude man damit schafft. Zudem hat es sich inzwischen zu einem festen Ritual entwickelt, dass ich den Kindern zum Abschluss des Tages eine Kleinigkeit mitbringe.

Als ich gegen zwölf Uhr das Gelände betrete, schreien sogleich vier Kinder meinen Namen, reißen die Arme nach vorne und rennen mit winzigen Schritten auf mich zu. Die Augen sind weit aufgerissen und ihre kleinen Hände greifen unkontrolliert ins Leere wie Robotergreifarme. Ich will noch instinktiv die Flucht ergreifen, da hat sich das Erste bereits um mein Bein gewickelt. Kurz darauf hängen sie wie kleine Trainingsgewichte an mir herunter und ich schleppe mich mit letzter Kraft ins Klassenzimmer. Jiovanna ist bereits vor Ort und befreit mich mit einem strengen Blick von meiner Last. Tatsächlich ist Jiovanna herzensgut und das wissen auch die Kinder. Nichts desto trotz haben sie Respekt vor ihr – jedenfalls mehr als vor mir.
Doch diese Art der Begrüßung musste ich mir erst hart erarbeiten. Noch gut eine Woche zuvor wäre ein solches Schauspiel undenkbar gewesen. An meinem ersten Schultag habe ich skeptische Blicke geerntet und schüchterne Schweigsamkeit herrschte vor. Ganz anders als bei meinem Besuch bei „Nuestro futuro“ in Guatemala. Die Kultur der Indigos vom Stamm der Ngöbe, wie sie hier im Hochland stark vertreten sind, ist stark von Zurückhaltung geprägt. Sie unterscheidet sich deutlich von der Kultur der übrigen Panameños. In der Öffentlichkeit sind sie Wortkarg und ein Gespräch mit einem Fremden kommt nur höchst selten zustande. Ihre kaum wahrnehmbare Mimik lässt sie ernst und unfreundlich wirken. Tatsächlich habe ich bislang noch nie einen Indigo in der Öffentlichkeit lachen sehen. Anfangs ist es mir etwas schwer gefallen mich darauf einzulassen, doch inzwischen bewundere ich diese Menschen sogar für ihre Art. Weil sie sich nicht verstellen um zu gefallen und sich für die wohlhabenden Touristen aus Nordamerika und Europa zum Clown machen, in der Hoffnung auf ein kleines Trinkgeld. Sie sind sich trotz der vielen Einflüsse auf ihre Kultur stets selbst treu geblieben.

Heute basteln wir Tiermasken, die ich auf Pappe entsprechend vorgezeichnet habe. Die Kinder sollen sie bemalen, ausschneiden und nach Belieben dekorieren. Tatsächlich schaffen es die meisten, sich länger als zwanzig Minuten auf die Aufgabe zu konzentrieren. Ein erster Erfolg. Normalerweise sitze ich, kurz nachdem sich die Kinder voller Enthusiasmus auf die Aufgabe gestürzt haben, alleine am Tisch, weil andere Reize stärker waren. Das einige der Masken am Ende aussehen wie aus „Das Schweigen der Lämmer“ oder „Freitag der Dreizehnte“ war nicht geplant. Das Wichtigste jedoch ist, dass die Kinder Spaß an der Arbeit haben und ihre Werke anschließend voller Stolz durch die Gegend tragen.
Für den Tagesabschluss habe ich mir für heute ein kleines Experiment überlegt. Nachdem die Kinder in den letzten Tagen Bonbons, Lutscher oder eine kleine Schokolade bekommen haben, halte ich heute „nur“ Äpfel für sie bereit. Ich möchte sehen, wie die Kinder auf das Obst reagieren, nachdem es die letzten Male so tolle Süßigkeiten gab. Als ich den ersten Apfel aus der Tüte zaubere, erwarte ich mäßige Begeisterung. Stattdessen aber blicke ich in strahlende Gesichter und funkelnde Kinderaugen, als hätte ich gerade eine riesige Eistüte aus dem Hut gezaubert. Ich werfe einen kurzen ungläubigen Blick auf das Objekt in meiner Hand, nur um sicherzugehen dass es sich tatsächlich um einen Apfel handelt. Sogleich strecken sich mir dreißig kleine Robotergreifarme entgegen, die alle (mindestens) eine der süßen roten Früchte in den Händen halten wollen. Kurz darauf sehe ich fünfzehn zufriedene Kinder – und fünfzehn verschiedene Möglichkeiten einen Apfel zu essen. Ich freue mich. Mit dieser Reaktion hatte ich wirklich nicht gerechnet. Doch das ist für mich der Beweis dafür, dass es eigentlich nicht viel braucht um ein Kind glücklich zu machen. Natürlich ist mir klar, dass in unserer Gesellschaft ein Apfel nicht dieselbe Begeisterung auslöst. Aber muss es denn immer gleich ein iPad oder die neueste Spielekonsole sein? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.



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